Porzellanfabrik Reinecke in Eisenberg/Thüringen • Firmengeschichte • Nachrichten • 1946.06.22: Das Volk: Eisenberger Betrieb feiert 150. Geburtstag

26. Juni 1946.

Eisenberger Betrieb feiert 150. Geburtstag

Ein Blick in die älteste Porzellanfabrik Eisenbergs
Schlichte Jubiläumsfeier bei der Firma F. A. Reinecke

   Am 16. Juni 1946 konnte die älteste Porzellanfabrik unserer Stadt, Fa. F. A. Reinecke, ihren 150. Geburtstag feiern. In einer schlichten Feier hatte sich die Belegschaft zusammengefunden, um diesen Tag in feierlicher Weise zu begehen. Weit über die Grenzen unserer Heimat hinaus sind die Qualitäts­porzellane der Firma F A. Reinecke bekannt und mit Stolz schaut nicht allein die Betriebsleitung, sondern vor allem auch der Arbeiter dieses Werkes auf sein Schaffen zurück.
   Der Porzellanmaler Heinrich Ernst Mühlberg aus Roschütz gründete am 16. Juni 1796 die Fabrik. Begünstigt durch die hier auftretenden Kaolinvorkommen nahm die Entwicklung des Unternehmens in den Jahren 1801 bis 1810 einen gesunden Verlauf. Durch die Einführung des preußischen Zollsystems setzte ein Stillstand ein, der aber überwunden wurde. Im Jahr 1829 wurde dann mit dem Bau einer Massenmühle begonnen, die nunmehr die Mühlberg­sche Fabrik versorgte. An die alte Fabrik erinnern noch heute die Mühlbergstraße und der Massenteich in Friedrichstanneck.
   Im Jahre 1864, am 12. 5. erfolgte die Eintragung beim Amtsgericht. Friedrich August Reinecke, ein Verwandter des inzwischen verstorbenen Gründers, übernahm am 11. 5. 1866 die Fabrik, und 1869 erfolgte die handelsgerichtliche Eintragung unter der Firma F. A. Reinecke, die heute noch besteht. Bis zum Jahre 1883 ist Friedrich August Reinecke der Inahber, während am 26. 9. 1883 Hermann Reinecke die alleinige Leitung übernimmt, nachdem er bereits seit 1867 im Betrieb tätig war. Paul Reinecke, der jetzige Besitzer, tritt im Jahr 1895 bei der Firma ein und konnte somit im vergangenen Jahre auf eine 50jährige Tätigkeit in der Porzellanfabrik Reinecke zurückblicken. Seit dem Tode seines Vaters Hermann Reinecke im Jahre 1902 ist er der Leiter des Unternehmens.

Gebrauchsporzellan bester Qualität

   Während all der vergangenen Jahre war es vornehmste Pflicht von Betriebsleitung und Arbeiterschaft, gute Gebrauchsporzellane und schöne Geschenkartikel herzustellen. Die Fabrikation von Tafelporzellan, Elfenbein-Geschirren, Speise- und Kaffeeservicen von den einfachsten bis zu den besten Ausführungen hat der Firma einen guten Ruf gesichert. Während des Krieges und auch heute produziert der Betrieb Artikel für den täglichen Bedarf, wie Teller, Tassen, Becher, Kaffeekannen, Schüsseln usw. Die Bunt­malerei in der Bahnhofstraße fiel dem Krieg zum Opfer. Die dort befindliche Schmelzmuffel wurde eingerissen und der Neubau im Hauptbetrieb wegen nicht kriegswichtiger Produktion von allen Stellen der früheren nazistischen Verwaltungen abgelehnt.
   In den Jahren 1883 bis 1893 wurde mit England und Amerika eine starke Exporttätigkeit bis zum ersten Weltkriege aufrechter­halten. Bis zum Ausbruch des Hitlerkrieges wurden beste Verbindungen mit Amerika, Brasilien, Dänemark, Rumänien und Ungarn gefördert. Seit 1870 ist die Firma ständig als Aussteller auf der Leipziger Messe vertreten. Betriebsleitung und Belegschaft setzen trotz aller Schwierigkeiten auch heute ihre ganze Kraft für die Herstellung einwandfreier Qualitätsarbeit ein.
   Die Leitung des Betriebes, mitgetragen von der großen Verantwortlichkeit des Betriebsrates, hat schon manchen Engpaß der Rohstoffversorgung überwunden. Der feste Wille zum Wiederaufbau unserer Wirtschaft und nicht zuletzt eines freien demokra­tischen Deutschlands beseelt Arbeiter und Angestellte gleichermaßen.
   Anläßlich der schlichten Jubiläumsfeier, an der die gesamte Betriebsfamilie teilnahm, wurde von seiten des ...uristen Hartmann sowie vom Betriebsratsvorsitzenden Ludwig die gedeihliche Zusammenarbeit mit dem Unternehmer betont. Die gesamte Beleg­schaft wurde durch Geld- und Sachspenden für ihr fleißiges Schaffen belohnt. Herrn Reinecke, der durch eine schwere Krankheit an der Jubiläumsfeier nicht teilnehmen konnte, galten die besten Wünsche seiner Arbeiter zu baldiger Genesung.
   Die Geburtstagsfeier des Betriebes wurde umrahmt von musikalischen Vorträgen einiger Mitglieder des Stadtorchesters und fröhlichen Unterhaltungen. In kamaradschaftlicher Verbundenheit und Harmonie trennte man sich in dem Bewußtsein, trotz der Schwere der Zeit Stunden der Entspannung verlebt zu haben, die alle Arbeitsmenschen ausrüsten werden mit neuer Schaffens­kraft zum Wohle des einzelnen, des Betriebes und darüber hinaus zur planvollen Führung einer wahren demokratischen Entwicklung des Lebens unseres gesamten Volkes.

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