Porzellanfabrik Wilhelm Jäger in Eisenberg/Thüringen • Kantinenporzellan

Kantinengeschirr nicht nur zwischen 1933 und 1945

Geschirr, welches häufig verwendet wird oder stark beansprucht wird, wird oftmals als »schwere Qualität« bezeichnet und im weiteren als Kantinenporzellan bzw. Kantinengeschirr bezeichnet. Einsatz findet entsprechendes Geschirr in Hotels, Gaststätten und Kantinen. Obwohl Kantinengeschirr ausschließlich für Betriebe und Behörden gefertigt wurde, »wanderte« vieles davon während und nach dem II. Weltkrieg in private Hände. Heute, nach über 70 Jahren, taucht aus Kellern und anderen Lagerstätten vieles wieder auf und inzwischen finden sich viele Stücke auf Flohmärkten und Internetauktionen, was sich auch auf den Preis nach-unten-rutschend auswirkt, da es zu einem Überangebot kommt.

Ab 1933: Die staatlichen Abnehmer

Auch in der Porzellanfabrik Wilhelm Jäger in Eisenberg (/Thüringen, seinerzeit Arbeitsgau 23 bzw. XXIII bzw. [(Partei)Gau 34] bzw. Wehrkreis IV) wurde in der Zeit des Nationalsozialismus, dem sogenannten Dritten Reiches Deutschlands, Kantinenporzellan mit und ohne weitere Dekoration hergestellt. Die Markungen der Porzellanfabrik W(ilhelm) Jäger (Eisenberg/Thür.) wurden je nach staatlichem Abnehmer erweitert um die Worte:
»Arbeitsdienst« (ab ? 1934 bis 1936)
und später
»Reichsarbeitsdienst« (ab 1937 bis 1939 ?)
andererseits für die Marine (Reichsmarine, später Kriegsmarine) hergestellte Teile, anfangs um den
Adler der Weimarer Republik (in den Jahren 1934 - 36)
und ab 1937 (bis mindestens 1942) den
typischen stark abstrahierten Adler der Kriegsmarine mit nach links gerichtetem Kopf, Eichenlaubkranz und auf der Spitze stehendem Hakenkreuz, dem Parteisymbol der NSDAP,
jeweils mit einem »M« darunter sowie schließlich (und wahrscheinlich ohne Jahresangabe) den
SS-Runen (im Kreis).
Derzeit existiert keine Übersicht, welche Geschirrteile an welche Behörden mit entsprechender Stempelung ausgeliefert wurden. Immerhin liegt eine Inventarliste bzw. Ausrüstungsliste eines U-Boots von 1944 vor (siehe weiter unten). Hinweise auf eine Produktion für das Heer (Wehrmacht) sowie die Luftwaffe (Fl.U.V. = Fliegerunterkunftverwaltung) fehlen derzeit.

Katalogseite/Werbeblatt ca. 1939 (nach Juni 1935 und vor April 1945)


Ab 1943: Reichsbetriebsnummer

Anfang 1943 wurde die Markierung von Hergestelltem mit einem Firmenzeichen (Markenzeichen) zu Gunsten der Reichsbetriebsnummer (R.B.Nr.) umgestellt und wenig später wurde auf die Markung vollständig verzichtet, wodurch auf ohnehin nicht zwingend notwendige Arbeitsschritte bei der Herstellung des Kantinenporzellans verzichtet wurde. Welche Reichsbetriebs-Nummer seinerzeit der Porzellanfabrik Jäger zugeteilt wurde oder ob die Zulieferung der Staatsbehörden beendet wurde, ist derzeit nicht bekannt.

Ausrüstung von Schiffen und U-Booten

Entgegen der Vorstellung bezüglich der Bruchempfindlichkeit und des Gewichtes von Porzellan wurde Porzellangeschirr auch auf den Schiffen und U-Booten mitgeführt. Dies begründet sich vor allem darin, dass Porzellan deutlich preisgünstiger und der Rohstoff Aluminium für andere Produktionsbereiche wichtiger war.

Aus der Inventarliste bzw. Ausrüstungsliste von U-874 von 1944 (xls-Datei) — hier zusammengefasst in der Übersicht: Auflistung des mitgeführten Geschirrs — lässt sich neben der eingelagerten Menge die Bedeutung des Farbrandes des Kantinenporzellans bei der Marine ableiten:
Keine Randfärbung: Mannschaft und Unteroffiziere.
Grüne Randlinie: Oberfeldwebel [entspricht Oberdeckoffizier (Oberbootsmann, Obersteuermann etc.)] - Beispiele. Fragl. die offizielle Farbbezeichnung: » seladongrün « ?
(Rot-)Braune Randlinie: Offiziere [entspricht Deckoffizierleutnant, Leutnant zur See, Oberleutnant zur See, Kapitänleutnant, Korvettenkapitän, Fregattenkapitän, Kapitän zur See].
Die Besatzung von U-874 könnte in etwa diese gewesen sein: 48-köpfige Besatzung, bestehend aus 4 Offizieren, 6 Portepee­unteroffizieren, 8 Unteroffizieren sowie 30 Mannschaftsmitgliedern (Matrosen). Hinzu kam wahrschienlich noch die 12-köpfige Einheit für die Flakbedienung.
Die Ausführung der 2 mm breiten Linie erfolgte vorzugsweise unter der Glasur, wodurch es zu keinem Abrieb bei der Benutzung oder Reinigung kam. Für mindestens 1942 findet sich auch Kantinengeschirr mit Marinemarke und grüner Linie auf der Glasur.

Das Verschwinden des Jäger-gemarkten Kantinengeschirrs soll im Jahr 1943 beispielsweise unter Marineangehörigen aufgefallen und als schlechtes Ohmen gedeutet worden sein, fällt dies, wenn auch mehr ›zufällig‹, zeitlich zusammen mit der Umkehr von »Jäger und Gejagtem« beispielsweise im U-Boot-geführten Seekrieg.

Weitere Geschirrformen und Produktionsdauer

Bezüglich der Porzellanfabrik Jäger ist bislang nichts bekannt zur Herstellung von Kantinenporzellan unter dem Label (Markung) »Modell des Amtes - Schönheit der Arbeit« im gleichen Zeitraum. Allerdings waren hier spezielle Formen (z.B. vom Designer Löffelhardt) gefordert und es ist zu vermuten, dass einerseits Herstellungskapazitäten fehlten und andererseits sich auch der Formenkauf nur bei größeren Mengen gerechnet hätte und daher auf die Herstellung unter diesem Label verzichtet wurde.

In wie weit nach 1945 noch Kantinengeschirr ohne behördliche Kennzeichnung hergestellt worden war, ist derzeit nicht nachvollziehbar, da die ab 1941 geltende Porzellanmarke mit einem W(ilhelm) als Krone über dem Jäger-Schriftzug in leicht abgewandelten Formen und letztmalig 1960 offiziell gestempelt worden war.

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Die Jäger-Porzellanmarken zum Kantinengeschirr

Die Porzellanmarke ist stets unter der Glasur gestempelt und die Markenfarbe schwankt zwischen dunklem grün und schwarz.
Spezielle Porzellanmarken vor 1934 und nach 1942 sind derzeit nicht bekannt, genauso wenig wie Marken für Wehrmacht und Luftwaffe.
Wann der Wechsel von Arbeitsdienst auf Reichsarbeitsdienst als Markenzusatz erfolgte, ist derzeit nicht belegt; vieles spricht jedoch für das Jahr 1937.
Das Aussehen der Porzellanmarke auf Kantinenporzellan für die Kriegsmarine ist für das Jahr 1937 derzeit nicht belegt; vermutlich war es aber dem der nachfolgenden Jahre vergleichbar. Auf Geschirr für die Kriegsmarine ist für das Jahr 1939 der Schriftzug der Jahreszahl in einer Schriftart mit oder ohne Serifen vorhanden. Ob der Schriftartenwechsel durch den Kriegsbeginn bedingt war, kann derzeit nur spekuliert werden. Ab 1940 findet sich nur noch die serifenlose Schriftart.
Derzeit ist davon auszugehen, dass die gestempelte Jahreszeit sich auf das Herstellungsjahr und nicht auf das Auslieferungsjahr bezieht.

Jäger Porzellanmarke ab ca. 1925 bis 1940 Jäger Porzellanmarke zwischen 1941 bis 1945
Platzhalter für Marke des Arbeitsdienstes von 1936 Platzhalter für Marke des Reichsarbeitsdienstes von 1937

Platzhalter für Marke der Kriegsmarine von 1937
ab 1943 wurde, wenn überhaupt, die Reichsbetriebsnummer (R.B.Nr.) gestempelt. Quelle: Erstellt aus Beschreibung der Marke - Original unbekannt.

Die obige SS-Markenabbildung ist kein Originalbild,
sondern wurde anhand von Beschreibungen gestaltet.
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