Porzellanfabrik Kalk in Eisenberg/Thüringen • Unterglasurdekor • »Japan«

Insbesondere bei diesen Dekor findet sich wiederkehrend die Zeitangabe »ab 1900«. Hierzu muss jedoch unten stehendes Berücksichtigung finden, um das Zeitfenster der Herstellung, welches derzeit ungenügend mittels Firmenunterlagen belegbar ist, dennoch im Groben eingrenzen zu können. Nach derzeitigem Kenntnisstand liegt das tatsächliche Produktions­zeitfenster innerhalb des Zeitraums von ab nach Mitte 1945 bis spätestens 1959, aber wahrscheinlich ist von ca. 1948 bis ca. 1958. Verziert wurden übrigens zweierlei Festonformen, anfangs jene mit J-förmigen Henkel (von der es wiederum auch 2 Varianten gibt) und zuletzt die Geschirrform mit C-förmigen Henkel.

Dekordetails

① Die zentrale Blüte

② Der innere und äußere Blütenkranz

③ Die Terrinen/Ragoutschüsseln

④ Die Kannen/Milchkännchen/Zuckerdosen

Altersbestimmung

Eine Bestimmung des Alters ist derzeit nur anhand von Indizien möglich. Die entsprechenden Firmenunterlagen wurden nach der Aufgabe des Standortes Eisenberg (durch den VEB Porzellankombinat Kahla) vernichtet bzw. verschwanden in unbekannte Hände. Einzig entsprechende Werbeunterlagen stehen für eine genauere Zeitstellung in kleinem Umfang zur Verfügung. Nachfolgend die vorhandenen Argumente und zur Verfügung stehenden Indizien.

① Kaufzeitpunkt

Immer wieder wird dieses Geschirr als Hochzeitsgeschirr bezeichnet und als in diesem Rahmen angeschafft ... und diese Hochzeit lag dann in den Jahren von 1908 bis 1918 (also meist vor oder zu Beginn des I. Weltkriegs); folglich hat dann auch der Herstellungs- und Kaufzeitpunkt dort zu liegen.
Sofern der Anlass für die Anschaffung eine Hochzeitsfeierlichkeit in den Jahren vor dem I. Weltkrieg war, dann mit praktisch absoluter Sicherheit die Feier zur Goldenen Hochzeit und diese fand in den Jahren 1948 bis 1960 statt und passt von der Zeitstellung wiederum sehr exakt zu den Punkten 5, 7 und 8.

② Porzellanmarken

Rechtwinkelig stehend gekreuzte und unterglasur gestempelte Pfeile finden sich frühestens ab 1922, als Minna Geyer (geb. Scheibe) in der Nachfolge von Rudolf Körbitz mit in die Geschäftsführung eintrat, wahrscheinlich allerdings erst ab Mitte 1925, als die Eisenberger Winkelmalerei ein Ende fand. Weiter finden sich auf einigen, im Verhältnis aber wenigen, Geschirrteilen auch die spitzwinkelig stehenden, nach unten zeigenden, gekreuzten und unterglasur gestempelten Pfeile, wobei diese Markungsart erst ab 1956 für Unterglasurdekore (z.B. »Indigo«-Dekor) sicher belegt ist. Belegstücke für eine frühere Verwendung ab 1900 fehlen derzeit, so dass davon auszugehen ist, dass die Marke keine zuverlässige Hilfe bei der Ermittlung des Herstellungsanfangs ist. Das Produktionsende dagegen dürfte um das Jahr 1958 liegen.
Kurz vor Ende der Produktion findet sich als Markenzusatz teilweise noch ein »Germany« aufglasur unterhalb der Marke gestempelt.

rechtwinkelig gekreuzte Pfeile, unterglasurrechtwinkelig gekreuzte Pfeile mit 1 darunter, unterglasur || aufglasur: Germany rechtwinkelig gekreuzte Pfeile, unterglasur, Japan spitzwinkelig gekreuzte Pfeile, unterglasur

③ Qualität

Die Qualität des Kalker Geschirrs ist im Allgemeinen durchschnittlich (vgl. Glossar: Sortierqualität). Handarbeit, sowohl bei der Scherbenherstellung als auch bei der Dekoration, hoher Leinölanteil (oder anderes Öl) der Kobaltfarbe, welche zu Haftungslücken beim Glasieren und damit zu Unebenheiten bzw. fleckigem Fehlen der gebrannten Glasur führt, Eisenspäne, welche Brandflecken verursacht und Exzentrizität bei der Dekoration sind nur einige der Aspekte von Kalker Geschirr bis in die 1970er Jahre hinein. Folglich ist die Verarbeitungs- und Produktqualität als Maß für die Altersfeststellung ungeeignet.

④ Geschirrform als Indiz

Feston: Geschirr mit festoniertem Rand wurde schon in den ersten Tagen des deutschen Porzellans hergestellt, wurde stetig weiter entwickelt und weitere Geschirrteile hinzugefügt. Die Porzellanfabrik Kalk fertigte von Anfang an ein Feston-Speiseservice. Die weitere firmeneigene Weiterentwicklung dieser Geschirrform lässt sich teilweise gut sehen. Die Geschirrform für Kaffeeservice erfolgte allerdings erst um 1935, vermutlich nach dem Feuer im Februar, und wurde als Feston mit »J-förmigen« Henkel eingeführt. Dieses Festongeschirr ist überwiegend Ausgangsmaterial zur Dekoration. Damit scheidet die Zeit vor dem I. Weltkrieg als Herstellungszeitraum zuverlässig aus. Da dieser Dekor auch noch auf den Festongeschirrteilen mit »C-förmigen« Henkel zu finden ist, welches erst ab etwa 1956 produziert wurde, ist als Endzeitpunkt für die Produktion in etwa das Jahr 1958 sehr wahrscheinlich.
Gedeck, Form 420: Geschirrteile mit dieser Form finden sich zwar seltener mit diesem Dekor, jedoch mit anderen unterglasurblauen Dekoren aus der Zeit um 1960. Da es zu der Gedeckform keine Kaffeekanne, Milchkännchen und Zuckerdose hergestellt wurden, wurden ggf. entsprechende Geschirrteile aus der Festonserie dazu verkauft.

⑤ Stempelung des Dekors

Die üppige Dekoration wirkt sehr prunkvoll mit ihrer zentralen großen Blüte und den flankierenden Blütenranken. So ergibt sich insgesamt ein sehr geschlossenes Bild. Diese optische Wirkung wird fälschlich gerne dem Jugendstil zugesprochen. Da der Dekor gestempelt ist, und nicht handgemalt (wie mitunter „wohlwollend“ eingeschätzt), ist der früheste Zeitpunkt jedoch auf die Zeit zu legen, in der die Porzellanfabrik Kalk Dekorstempel eingeführt hatte. Dies geschah ab etwa 1928 in Form von Dekordetails - anfänglich beim Indischblau-Dekor die Blüten, Ähren und Grasbüschel - und seit etwa 1938 auch in Form von großflächigeren Dekoren wie »Atlantis«, dessen Herstellung spätestens mit Ende des II. Weltkrieges eingestellt worden war.
Jedoch erst nach dem II. Weltkrieg geschah dies auch als vollständiges Dekorationsverfahren, z.B. für die Tellerfahne. Im direkten Vergleich zeigt sich, dass die Dekorierung von Gefäßwandungen wie Kannen, Saucieren und Deckelschüsseln grundsätzlich mit mehreren Stempeln durchgeführt worden war, also das Motiv bei der Dekoration der Geschirrteile zusammengesetzt worden ist. Dabei wurde auch auf Wiederverwendbarkeit geachtet und verschiedene Geschirre mit den gleichen Stempeln verziert.
Zusätzliche Hinweise:
Da die Dekore der ArtDeco-Zeit nach dem II. Weltkrieg nicht weiter Verwendung bzw. Absatz fanden, mussten neue Muster geschaffen werden. Dies geschah in einer Weiterentwicklung abstrakter Muster, aber auch in einer Art Rückbesinnung auf die Gründerzeit.
Ab 1959 wurde Geschirr mit »Japanblau«-Dekor beworben. Die zeitgleiche Herstellung beider Dekore erscheint sehr unwahrscheinlich, da sie in direkter Konkurrenz zueinander stehen.
Immer wieder findet sich eine konstruierte Verbindung dieses Dekors mit der Rauensteiner Porzellanfabrik, wahrscheinlich vor allem wegen der oberflächlichen Ähnlichkeit der Porzellanmarken. An dieser Stelle kann davon nur abgeraten werden, da alle hier genannten Gründe gegen diese Zuordnung stehen.

⑥ Nachkaufgarantie

Eine 25-jährige oder gar 50-jährige Nachkaufgarantie gab es bei Kalk nicht. Selbst wenn man davon ausgeht, dass dieser Dekor über 10 Jahre lang gestempelt wurde, so wäre dies eher überraschend lang. Bis 1959 war Geschirr mit diesen Dekor sicher zu kaufen.

⑦ Belege aus der Firmengeschichte

Das Mitarbeiterfoto von 1949 in der Jubiläumsschrift von 1950 zeigt im Hintergrund die Außenwand eines der Fabrikationsgebäude. Linksseitig im Fenster, wahrscheinlich auf der inneren Fensterbank, stehen Feston-Teekannen, welche beim genauen Hinsehen mit diesen Dekor verziert sind. Die anderen Fenster sind durch Vorhänge verschlossen, so dass kein Blick in die Fabrik von hier aus möglich ist. Sicher ist aber: 1949 wurde dieser Dekor produziert.

⑧ Werbung von 1952

Es existiert in dem exportorientierten Werbekatalog »Thüringer Porzellan in alle Welt« des Deutschen Innen- und Außenhandels (DIA) eine Abbildung auf der Bildseite 2 von Festongeschirr (mit J-förmigen Henkeln) mit diesen Dekor (und mit Goldrand).
Zusätzlicher Hinweis: Das dort gezeigte Milchkännchen hat die Formnummer 2 der »alten« Formserie, es wurde in den Folgejahren durch eine niedrigere Form ersetzt.

⑨ Häufigkeit

Geschirr mit diesen Dekor ist noch relativ häufig zu finden. Dies wäre für ein Gebrauchsgeschirr mit einem Produktionsalter von fast 100 Jahren äußerst unwahrscheinlich. Die vorhandene Bruchempfindlichkeit steht in keinem Verhältnis zur noch vorhandenen Menge an Geschirr - und dies wäre nach 2 Weltkriegen für sich allein schon nicht nachvollziehbar.
Da aber das Geschirr kurz nach dem II. Weltkrieg hergestellt worden ist und dann noch in sehr hoher Stückzahl, entsprächt dies eher dem heute noch wahrnehmbaren Volumen.

⑩ Dekorname

Die Namensgebung ist unklar und es kann derzeit nur spekuliert werden:
I. Die Namensgebung »Japan« und Werben mit diesem Begriff standen möglicherweise ab 1950 nicht im Einklang mit der Staatsideologie der DDR und wurde deshalb weggelassen.
II. Möglicherweise war dieser Dekor das einzige unterglasurblaue Dekor für mehrere Jahre (?), so dass ein Dekorname nicht ganz so wichtig war (?).
III. 1958, dem vermutlich letzten Herstellungsjahr, wurden mehrere Blaudekore unter der Glasur eingeführt. Erst jetzt wurde ein Dekorname zwingend notwendig (daher auch nur auf Geschirr der Form »420«).
Hinzu kommt, dass ArnArtCreation, eine Keramik-/Porzellanfabrik in Japan, seine Produkte ebenfalls mit gekreuzten Pfeilen markierte und vorzugsweise nach den Vereinigten Staaten von Amerika exportierte - vor dem 2. Weltkrieg ein Exportland für die Porzellanfabrik Kalk.

Fazit

Das wahrscheinlichste Produktionszeitfenster liegt in den Jahren von ab ca. 1948 bis ca. 1958.
Eine anderslautende Zeitstellung ist wahrscheinlich verkehrt und dient beispielsweise eher einer mutwilligen Attraktivitätssteigerung zum Zwecke des Verkaufes bzw. unterliegt eines unbeabsichtigten Irrtums anhand von familiären Geschichtsdaten in Verbindung von Geschirr mit diesen Dekor.
Der Dekor »Japanblau« könnte ab 1959 als Nachfolgedekor produziert worden sein; die zeitgleiche Produktion beider Dekore erscheint sehr fraglich.

Dekorationsbeispiele

© 2010